Tabelle 6 OL: Rolle der Schadensminimierung

 

Allgemeine Aussage über die Rolle der Schadensminimierung in der nationalen Drogenpolitik/-strategie

Aktuelle Entwicklungen, Umsetzung

Belgien

Dem Aktionsplan der Föderalregierung von 1995 liegt eine Philosophie der Schadensminimierung zugrunde (NB 2002, Kap. 10).

Eine Modifizierung des Drogengesetzes von 1921 gemäß dem „Politischen Vermerk“ vom Januar 2001 wird vom Senat geprüft; ein „stärker integrierter rechtlicher Rahmen für die Gesundheitsfürsorge, die Schadensminimierung und die Wiedereingliederung“ wurde vorgeschlagen.

Dänemark

Aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Drogenabhängigen an einer Behandlung interessiert sind, dass viele rückfällig werden, und der dänischen Tradition, für alle sozial Schwachen ungeachtet der Ursachen ihrer sozialen und gesundheitlichen Probleme zu sorgen, kommt verschiedenen Maßnahmen zur Schadensminimierung eine Schlüsselrolle zu, vgl. Teil 33 des Gesetzes über soziale Sicherheit und Sozialhilfe (NB 2002, S. 73).

Der im Februar 2002 von einer multidisziplinären Expertengruppe (Gesundheit-Sozialrecht) vorgelegte Bericht zur Untersuchung von Schwerpunktbereichen für die unter stärkstem Leidensdruck stehenden Drogenabhängigen enthält einige Empfehlungen zur Schadensminimierung: kostenlose Hepatitis-B-Impfung; Aktionsplan zur Reduzierung von Hepatitis C; vorsichtige, zögerliche Unterstützung von Drogenkonsumräumen; Stärkung der aufsuchenden Drogenarbeit, die auf kommunaler Ebene besser koordiniert werden sollte; Spritzenaustauschprogramme (SAP) zur Reduzierung der Ansteckungsgefahr.

Deutschland

Der (demnächst erscheinende) „Aktionsplan Drogen und Sucht“ fordert die Weiterentwicklung von Hilfsdiensten zur Schadensminimierung für problematische Drogenkonsumenten: „Überlebenshilfe“.

Hilfsdienste zur Schadensminimierung werden von ca. 400 Einrichtungen angeboten (NB 2002, S. 121 deutsche Fassung). Die Programme zur Methadonbehandlung, die Spritzenaustauschprogramme und andere Maßnahmen der Schadensminimierung werden im Hinblick auf die HIV-Epidemie als wirksam bewertet (S. 76 deutsche Fassung) Die Verbreitung von HIV unter Drogenkonsumenten konnte in den vergangenen Jahren erheblich eingedämmt werden: Präventionskampagnen, Substitution und Spritzenaustauschprogramme haben hier deutlich Wirkung gezeigt (S. 52).

Griechenland

Die Schadensminimierung ist einer der Schwerpunktbereiche entsprechend dem Nationalen Drogenaktionsplan 2002-2006 (NB 2002, S. 71).

Zurzeit wird die Schadensminimierung durch die Umsetzung von Substitutionsprogrammen, niedrigschwelligen Zentren und aufsuchenden Projekten, eine mobile Einrichtung für sofortige medizinische Hilfe, Unterstützung und Aufklärung über sichereren Konsum sowie durch Beratungsdienste für diejenigen, die sich nicht in Behandlung begeben, gefördert. Eine Ausweitung der Maßnahmen gegen den problematischen Drogenkonsum ist dringend erforderlich, und es existieren konkrete Pläne für die Einrichtung von 19 Krisenzentren und fünf Erhaltungstherapie-Programmen bis Ende 2006. Folgende künftige Aufgaben wurden im Aktionsplan festgelegt: Ausweitung der Dienste über die Grenzen Athens hinaus; Diversifizierung der Dienste; verstärkte lokale Koordinierung.

Spanien

In der Nationalen Drogenstrategie 2000–2008 wird der Umsetzung von Maßnahmen zur Schadensminimierung fundamentale Bedeutung beigemessen (NB 2002, S. 74).

In der umfassenden Strategie werden konkrete Ziele formuliert; regionale und kommunale Pläne orientieren sich an der föderalstaatlichen Strategie. Folgende Bereiche werden abgedeckt: Aufklärung der Allgemeinbevölkerung über die Schadensminimierung, einschließlich über Tabak und Alkohol; Aufklärung und Informationen über den sichereren Konsum einschließlich nationaler (streng auf Apotheken beschränkter) Spritzenaustauschprogramme; Impfprogramme, bessere Qualität der Substitutionsprogramme. Die Strategie betrifft auch Fragen der Reichweite sowie spezielle Zielgruppen wie Haftinsassen.

Die Umsetzung der Schadensminimierung durch nationale Spritzenaustauschprogramme, 31 spezialisierte aufsuchende Dienste und 18 Notfallhilfe-Zentren wird überprüft. Handbücher für die apothekenbasierte Naloxon- und Methadonbehandlung wurden (im Jahr 2001) konzipiert.

Frankreich

Die Politik der Risiko- und Schadensbegrenzung (politique de réduction de risques et de dommages, RRD) „stellt in den Jahren 1999–2001 einen deutlichen Schwerpunkt der französischen Politik dar“ (NB 2002, S. 65).

Eine der Prioritäten liegt darin, für ausgegrenzte Drogenkonsumenten eine Politik der RRD zu entwickeln und zu konsolidieren (insbesondere Spritzenaustauschprogramme, niedrigschwellige Zentren, Notunterkünfte) und die Akzeptanz dieser Personen in ihrem Wohnumfeld zu fördern.

Geografische Reichweite der RRD: 87 Départements, die Übersee-Départements (DOM) sind jedoch praktisch nicht erfasst. Der Rückgang des injizierenden Drogenkonsums wird im Rahmen der Substitutionsbehandlung und Schadensminimierung erörtert.

Irland

Das allgemeine strategische Ziel der Nationalen Drogenstrategie 2001–2008 besteht darin, „den Schaden, der Einzelpersonen sowie der Gesellschaft insgesamt durch den Drogenmissbrauch zugefügt wird, zu minimieren, indem der Reduzierung des Angebots, der Prävention, der Behandlung und der Forschung verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet wird“. Damit verbundene allgemeine strategische Ziele: Reduzierung „riskanter Verhaltensmuster im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Drogen und des Schadens, der Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften aufgrund von Drogenmissbrauch zugefügt wird“ (NB 2002, S. 9).

Begrenzte Anerkennung der Schadensminimierung, als die Strategie der Regierung 1991 darauf ausgerichtet war, einer großen Zahl von Drogenkonsumenten eine Substitutionsbehandlung zuteil werden zu lassen. Die Verpflichtung, Dienste zur Schadensminimierung als Teil der Umsetzung der nationalen Strategie bereitzustellen, erfolgte 1994 in Form eines Schlüsseldokuments des Gesundheitsministeriums zur Entwicklung der Gesundheitspolitik. Ausgrenzung und Schadensminimierung wurden Mitte der 90er Jahre von einigen irischen Forschern analysiert und diskutiert, wodurch ein Politikwechsel begünstigt wurde. Wie aus dem strategischen Ziel der irischen Nationalen Drogenstrategie hervorgeht, wurde im Jahr 2000 die Schadensminimierung „zur Priorität erhoben“, um „bewährte Modelle ...“ im Bereich der Schadensminimierung „zu unterstützen“.

Italien

Mit dem Gesetz 45/99 wurde die Schadensminimierung auf nationaler Ebene erstmals offiziell anerkannt und in die Liste der für eine Finanzierung aus dem nationalen Drogenfonds in Frage kommenden Bereiche aufgenommen. Der im Februar 2002 verabschiedete nationale Drogenplan für Italien stellt alle Maßnahmen einschließlich der Schadensminimierung in einen Gesamtkontext der Rekonvaleszenz (NB 2002, S. 60).

Die Schadensminimierung „war ein wichtiger Bestandteil einiger regionaler Drogenpläne, und angesichts der Autonomie der Regionen bei der Planung und Bereitstellung der Gesundheitsfürsorge wird dies wahrscheinlich auch in Zukunft der Fall sein“ (NB 2002, S. 60). Die Bereitschafts- und Anlaufstellen sind zu einem wichtigen Bestandteil der Drogenhilfsdienste in Italien geworden. Ser.T.-Drogendienste und Anlaufstellen sowie private/NRO-geleitete niedrigschwellige Strukturen erleichtern neben den Bereitschaftsdiensten den Zugang zur Behandlung bzw. die Überweisung. Das Gesundheitsministerium entwickelte Richtlinien zur Schadensminimierung; die Verantwortung für die Umsetzung liegt bei den Regionen. Eine Evaluierung der Programme zur Schadensminimierung ist im Gange.

Luxemburg

Das Gesetz vom 27. April 2001 schuf den rechtlichen Rahmen für die bereits existierenden Maßnahmen zur Schadensminimierung als Reaktion auf die rasch steigende Zahl problematischer Drogenkonsumenten sowie zugunsten weiterer Maßnahmen zur Schadensminimierung. Der Nationale Aktionsplan gegen Drogen und Drogenabhängigkeit 2000–2004 sieht weitere Maßnahmen zur Schadensminimierung vor, einschließlich überwachter Drogenkonsumräume und ärztlicher Verschreibung von Heroin (NB 2002, S. 84/85).

Die Maßnahmen zur Schadensminimierung orientieren sich zumeist an injizierenden Drogenkonsumenten. Die allgemeine Koordinierung der Schadensminimierung erfolgt durch das Gesundheitsministerium, den Drogenkoordinator und die „Plattformen“; monatliches Treffen der Gruppe der „Drogenstellen“. Im neuen Aktionsplan sind Beiträge aller Akteure zur Erarbeitung konkreter Maßnahmen vorgesehen.

Niederlande

In den vergangenen 25 Jahren war die Schadensminimierung einer der zentralen Aspekte unserer nationalen Drogenpolitik (NB 2002, S. 87). Sie ist eines der vier Ziele der nationalen Drogenpolitik.

Die Drogenpolitik in den Niederlanden ist in hohem Maße dezentral organisiert; die Verantwortung liegt bei den kommunalen Behörden. Im neuen Konzept der „sozialen Suchtbehandlung“ steht nicht die Behandlung im Vordergrund, sondern die Minimierung der Folgen der Abhängigkeit für die Konsumenten und somit die Verbesserung ihrer Lebensqualität (Vorsorge statt Heilung); die Schadensminimierung wird als Minimalmodell der „sozialen Suchtbehandlung“ betrachtet. Die Schadensminimierung zeichnet sich durch ein hohes Maß an Professionalität aus.

Österreich

In Österreich spielt die Schadensminimierung eine sehr wichtige Rolle (NB 2002, S. 45); viele Bundesländer planen eine Intensivierung ihrer Aktivitäten. Gebräuchliche Synonyme sind „akzeptierende Drogenhilfe“ und „Überlebenshilfe“.

Alle neun Bundesländer haben eine Drogenkoordinierung eingerichtet und politische Pläne ausgearbeitet (bei einigen handelt es sich noch um Entwürfe). Diversifizierte und innovative Ansätze sind erforderlich. Die zentralen Strategien zur Schadensminimierung sind aufsuchende Programme und niedrigschwellige Zentren; die Hauptmaßnahmen sind Spritzenaustauschprogramme, Impfungen, Beratungen zum Thema sichererer Konsum und Safer Sex, niedrigschwellige medizinische Dienste, Notunterkünfte. Die aufsuchende Drogenarbeit mit gefährdeten jungen Menschen wurde auf Ebene der Bundesländer erheblich ausgeweitet. Im Jahr 2001 lag der Schwerpunkt auf der Qualitätssicherung und der Professionalisierung im Bereich der Schadensminimierung. Im Gesamthaushalt spielen die aufsuchende Drogenarbeit und die Schadensminimierung allerdings im Vergleich zu Beratung, Behandlung und Fürsorge eine untergeordnete Rolle.

Portugal

Der am 13. März 2001 verabschiedete Nationale Aktionsplan „Horizonte 2004“ umfasst acht Ziele (von 30) im Bereich der Schadensminimierung (NB 2001, S. 6).

Die offizielle Umsetzung des Nationalen Strategie- und Aktionsplans ist vorangeschritten: 23 über das Land verteilte Projekte von Nichtregierungsorganisationen erhalten finanzielle und technische Unterstützung für die Umsetzung der Maßnahmen zur Schadensminimierung. Das Ziel besteht in der Schaffung eines nationalen Netzwerks für die aufsuchende Drogenarbeit.

Finnland

Im Aktionsprogramm für die Intensivierung der Drogenpolitik 2001–2003 (2002) hat die Koordinierungsgruppe Drogenpolitik fünf Schwerpunkte im Bereich der Schadensminimierung vorgeschlagen, darunter die Prävention von Todesfällen durch Vergiftung sowie die Eindämmung der Verbreitung von Infektionskrankheiten (NB 2002, S. 102).

Der zunehmende Drogenkonsum und die daraus resultierenden Schäden wurden als Phänomene begriffen, die eine umfassende und verwaltungsübergreifende Lösung erfordern. Entwicklung erster niedrigschwelliger Dienste; zunehmende Anerkennung des Problems als Teil der Behandlung (NB 2001, S. ii). Das nationale Seminar über das Thema Rauschmittel im Jahr 2001 setzte sich auch mit der Minimierung drogenbedingter Schäden als einer der neuen Möglichkeiten der Drogenbehandlung auseinander (NB 2001, S. 73).

Im Jahr 2002 verstärkte Verbreitung von Informationen und Aufklärung zum Thema Schadensminimierung; Einrichtung weiterer niedrigschwelliger Dienste (z. B. einer 24-Stunden-Betreuung in Tampere) und verstärkte aufsuchende Drogenarbeit im Großraum Helsinki einschließlich Aufklärungskurse für Betroffene zum sichereren Drogenkonsum, Gesundheitsberatung (Überdosis-Prävention, erste Hilfe und Prävention von Infektionskrankheiten). Entsprechend dem neuen Vorschlag für die finnische HIV/AIDS-Strategie, die Anfang 2002 vom Minister für Gesundheit und Soziales vorgestellt wurde, sollten im Laufe der nächsten drei Jahre in allen städtischen Gebieten HIV-Beratungen und Spritzenaustauschprogramme angeboten werden, wobei Häftlinge als Zielgruppe speziell angesprochen werden sollten (NB 2002, S. 107).

Schweden

Der Begriff „Schadensminimierung“ findet im neuen nationalen Aktionsplan gegen Drogen keine Verwendung (Regieringens proposition 2001/02:91) (NB 2002, S. 47). Das Ziel der schwedischen Drogenpolitik ist eine drogenfreie Gesellschaft.

... die Drogenkommission (SOU 2000, S. 126) erläuterte den schwedischen Standpunkt: Einzelnen Drogenkonsumenten kann geholfen werden, ohne dass die Forderung nach einem sofortigen und/oder dauerhaften abstinenzorientierten Leben erhoben wird. Während dies als Standpunkt zugunsten der Schadensminimierung angesehen werden kann, ist eine solche Interpretation für den übrigen Teil der Politik nicht zutreffend: Dem Drogenkonsumenten sollen Maßnahmen angeboten werden, die auf Abstinenz basieren, doch die Entscheidung für die Behandlung soll nicht aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus getroffen werden (es wird kritisiert, dass Schadensminimierung aus wirtschaftlichen Gründen anstatt aus wirklicher Notwendigkeit heraus angeboten wird). Die Kommission riet von einer legalen Verschreibung von Heroin, von „Shooting Galleries“ und von anderen niedrigschwelligen Programmen ab. Schadensminimierung im Sinne der üblichen Definition wird nicht praktiziert (NB 2002, S. 47).

Vereinigtes Königreich

(Im NB 2002 wurden keine Informationen bereitgestellt.)

Mit der Initiative „Making Harm Reduction Work“ [Schadensminimierung wirksam machen] stellt das Gesundheitsministerium Mittel für Drogenaktionsteams (DAT) und Drogenbeauftragte zur Verfügung. Im Jahr 2001 wurden in England acht regionale Seminare zur Förderung und Entwicklung der Schadensminimierung bei injizierenden Drogenkonsumenten abgehalten. Der Schwerpunkt der Initiative liegt auf der Prävention von problematischem Drogenkonsum, riskanten Verhaltensmustern und Überdosierungen sowie Hepatitis-B-Impfungen (NB 2001, S. 90–91).

Norwegen

In Norwegen haben Initiativen zur Verbesserung der sozialen und gesundheitlichen Situation kranker Menschen, die in die Drogenabhängigkeit geraten sind, eine lange Tradition ... Sie gingen aus dem Bereich der Alkoholproblematik hervor. Als die gesundheitliche und soziale Situation von Drogenkonsumenten in großen Städten kritisch wurde (seit den 80er Jahren) und „... es offensichtlich wurde, dass das reguläre Gesundheitssystem nur begrenzt in der Lage ist, sich dieser Probleme anzunehmen“ ... „wurde das Hauptaugenmerk in den vergangenen Jahren auf die Entwicklung eines niedrigschwelligen medizinischen Hilfsdienstes gerichtet ...“ (NB 2002, S. 53).

Die Methadonbehandlung hat eine geringe Reichweite und eine hohe Zugangsschwelle. Eine eventuelle Senkung der Zugangsschwellen wird derzeit geprüft (noch nicht entschieden). Weitere Maßnahmen: niedrigschwellige Unterkünfte und Tagesstätten; Pflegestationen vor Ort (poliklinische Gesundheitsdienste auf der Straße) an sechs Standorten in Oslo, wo 2000 Patienten versorgt werden; mobile, aufsuchende und standortgebundene Spritzenaustauschprogramme in Oslo sowie in anderen großen Kommunen. Die Regierung hat 14 Kommunen Finanzhilfen bewilligt, wobei Oslo, die größte Kommune, den höchsten Betrag erhält.

Quellen: Nationale Reitox-Berichte (2001, 2002).